Wenn das Überleben erst der Anfang ist: Sepsis und die Lücke danach

Sepsis erzählt zwei Geschichten: eine schnelle, dramatische in der Akutphase – und eine zweite, viel leisere, die nach dem Überleben beginnt. Während Ärzt:innen in den ersten Stunden um jedes Organ kämpfen, beginnt der Kampf für viele Betroffene erst danach. Mit Folgen, die im Vergleich zu den ersten dramatischen Stunden unsichtbar erscheinen, aber umso hartnäckiger bleiben.

Dass diese Langzeitfolgen häufig kaum erkannt werden, liegt selten am fehlenden Willen der Intensivmediziner:innen. Viele würden ihre Patient:innen gern umfassender vorbereiten. Doch im klinischen Alltag ist kaum Zeit dafür, und oft sind Betroffene schon auf andere Stationen verlegt, bevor sie wieder klar genug sind, um Fragen zu stellen. Zwischen Notfall, Stabilisierung und Entlassung bleibt für Gespräche kaum Raum.

Wenn das Überleben erst der Anfang ist

Sepsis entsteht, wenn der Körper eine Infektion nicht mehr lokal kontrollieren kann. Die Situation kann binnen weniger Stunden lebensbedrohlich werden. In Europa stirbt etwa eine:r von vier Betroffenen daran. Viele der Überlebenden berichten von einem breiten Spektrum an Spätfolgen, das monate- oder sogar jahrelang anhält – von einem geschwächten oder dauerhaft überreizten Immunsystem über Organfunktionsstörungen, chronische Schmerzen, neurologische Beschwerden und kognitive Probleme bis hin zu Erschöpfung, Angst oder Depression. Dieses komplexe Krankheitsbild, bei uns als “Post-Sepsis Syndrom” bekannt, wurde erst 2012 beschrieben und betrifft gut die Hälfte aller Sepsis-Überlebenden.

Verloren im Alltag: Die Versorgungslücke nach Sepsis

In ihrer Forschung stößt Conny Schneider vom Ludwig Boltzmann Institut für Traumatologie, das Forschungszentrum in Kooperation mit der AUVA, immer wieder auf dieselben Hürden. Nicht fehlendes Wissen oder fehlende Behandlungsmöglichkeiten sind das Problem, sondern zuallererst fehlende Koordination. Das Gesundheitssystem ist pyramidenartig organisiert: An der Spitze steht die Intensivmedizin, hochspezialisiert, ausgelastet, mit enormer Expertise. Doch viele Patient:innen bleiben dort nur kurz. Langfristig werden die meisten Patient:innen in der Primärversorgung versorgt – bei Hausärzt:in und Hauskrankenpflege oder niedergelassenen Ärzt:innen in der Region. Ob diese darauf sensibilisiert sind, ein Krankheitsbild zu erkennen, das erst 2012 beschrieben wurde, ist viel zu oft eine Glücksfrage. Diagnosecode hat das Post-Sepsis Syndrom in Österreich keinen, in Deutschland existiert immerhin seit November 2025 der Code „U70.1 – Zustand nach Sepsis“. Ohne Kontext sind die Symptome diffus und schwer einzuordnen.

a. Conny Schneider, Expertin für Wissenschaftskommunikation am LBI Trauma

Strukturierte Nachsorge ermöglicht Rückkehr in den Alltag

Ein wichtiger Schritt zur besseren Versorgung ehemaliger Intensivstationspatient:innen wurde im März 2024 gesetzt: Im Rahmen des EU-geförderten Projekts SASICU (Safe and Smart Intensive Care Unit) eröffnete eine eigene Studienambulanz an der Medizinischen Universität Wien. Diese sogenannte Post-Intensive Care Ambulanz (PICS Ambulanz) richtet sich gezielt an Menschen, die nach einer Behandlung auf der Intensivstation mit anhaltenden Beschwerden und Spätfolgen kämpfen.

In der PICS Ambulanz erhalten Betroffene eine umfassende, auf ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnittene Unterstützung und Beratung. Das innovative Forschungsprojekt setzt auf die Zusammenarbeit eines interdisziplinären Teams, das die Patient:innen begleitet. Der Intensivmediziner und Projektleiter Ákos Tiboldi betont, dass gerade Sepsis-Überlebende oft so geschwächt sind, dass bereits der Weg zu Nachsorgeterminen eine große Hürde darstellt. Deshalb setzt die Ambulanz verstärkt auf digitale Unterstützungsmöglichkeiten, um die Nachsorge für diese Patient:innengruppe zugänglicher zu machen.

Die Erfahrungen der PICS Ambulanz bestätigen internationale Beobachtungen: Strukturierte Nachsorge kann einen entscheidenden Unterschied machen. Ohne gezielte Unterstützung ist mehr als die Hälfte der Patient:innen auch ein Jahr nach der Entlassung nicht in der Lage, ihren Beruf wieder aufzunehmen. Einrichtungen wie die PICS Ambulanz gehen gezielt auf die individuellen Bedürfnisse der Patient:innen ein, um ihnen die Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben zu erleichtern.

Mittlerweile arbeitet Ákos Tiboldi am AUVA Traumazentrum Wien und sieht gerade im ganzheitlichen Versorgungsmodell seiner Einrichtung – von der Akutversorgung bis zur Rehabilitation – großes Potenzial für eine optimale Nachsorge von Intensivpatient:innen.

a. Ákos Tiboldi, Intensivmediziner und Mitgründer der PICS-Ambulanz

BEATsepsis – Forschung, die Unsichtbares sichtbar machen will

Aktuell lässt sich nur raten, welche Patient:innen nach einer Sepsis wieder vollständig gesund werden und welche Monate später mit Erschöpfung, Schmerzen, Infektanfälligkeit oder kognitiven Problemen kämpfen. Diese Ungewissheit erschwert die Nachsorge enorm: Weder Intensivmediziner:innen noch Hausärzt:innen wissen, wer besonders gefährdet ist und frühzeitig Unterstützung bräuchte.

Genau hier setzt BEATsepsis an. Unter Leitung von Marcin Osuchowski betreibt ein Team am LBI Trauma Wissenschaftskommunikation und Forschung in dem Projekt, in dem europaweit Patient:innen über Monate begleitet werden. In der klinischen Studie werden Blutproben während der Akutphase, bei der Entlassung und sechs Monate später untersucht. Das Ziel: biologische Marker finden, die früh anzeigen, ob jemand ein Post-Sepsis-Syndrom entwickeln wird. Gelingt das, könnten Intensivmediziner:innen schon während der

Behandlung erkennen, wer nach der Entlassung besondere Unterstützung brauchen wird. Betroffene würden nicht selbst nach einer Erklärung für ihre Symptome suchen müssen – sie hätten sie bereits in der Hand.

Ein Blick auf Long Covid zeigt: Sobald ein Krankheitsbild benannt und verstanden wird, verändert sich die Wahrnehmung. Beim Post-Sepsis-Syndrom stehen wir erst am Anfang. BEATsepsis will diesen Weg beschleunigen – mit Daten, mit Patient:innenstimmen und mit Forschung, die dorthin sieht, wo das System heute noch blind ist.

a. Marcin Osuchowski, Leiter der Sepsisforschung am LBI Trauma