Präzision, die verbindet

Wie das NanoPrecMed-Konsortium Wissenschaft, Wirtschaft und Regionen vernetzt, um Nanomedizin gemeinsam voranzubringen.

Stellen wir uns vor, Medikamente könnten genau dort wirken, wo sie gebraucht werden, und nirgendwo sonst. Eingekapselt in eine Art selbstfahrendem Taxi auf dem Weg durch den Körper, ausgestattet mit genau der richtigen Botschaft, die am Zielort heilende Prozesse in Gang setzt. Willkommen in der Welt der Nanomedizin! Dort, wo Chemie, Biophysik und Molekularbiologie an einem Tisch sitzen. Und genau diesen Tisch hat sich das NanoPrecMed Konsortium gebaut.

Gefördert durch das EU-Programm INTERREG AT-CZ, vereint NanoPrecMed sechs Forschungseinrichtungen aus Österreich und Tschechien, die sich einer gemeinsamen Mission verschrieben haben: die Nanomedizin aus dem Elfenbeinturm holen und hinein ins Leben bringen.

Die Zukunft ist winzig – und hochvernetzt

In Brünn bringt die Brno University of Technology ihr Know-how in der Analyse komplexer DNA- und RNA-Strukturen ein, unterstützt durch eigene Softwaretools, und hochauflösende Mikroskopie. Die benachbarte Mendel-Universität entwickelt passgenaue Nanopartikel, die Wirkstoffe präzise dorthin bringen, wo sie gebraucht werden. Ziel ist eine neue Generation intelligenter, biokompatibler Medikamente, die sich im Körper wie gut programmierte Boten verhalten. Das Biology Centre der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Budweis bringt seine Stärke in Infektionsbiologie ein und testet und entwickelt Impfstoffe. Nanobiopartikel können hier zur Steigerung der Wirksamkeit eingesetzt werden.

In Linz fokussieren sich gleich zwei Partner auf molekulare Details: Die Johannes Kepler Universität und FH Oberösterreich untersuchen mit Rasterkraftmikroskopie (AFM) Oberflächen bis ins kleinste Detail und machen mit High-Speed-AFM und Fluoreszenzmikroskopie molekulare Bewegungen sichtbar. In Wien nutzt das LBI Trauma extrazelluläre Vesikel, winzige Bläschen mit einer Fracht aus Ribonukleinsäuren und Proteinen, als Werkzeug für Diagnose und Therapie. Als Forschungszentrum in enger Kooperation mit der AUVA  ist das Institut nicht nur weltweit führend in der biomedizinischen Forschung, sondern dabei auch stets nah Patienten und den Bedürfnissen des klinischen Alltags. Nicht umsonst übernimmt es im Konsortium die Rolle des Koordinators.

„Wir wollen aber nicht nur exzellente Forschung machen – wir wollen, dass sie ankommt“, sagt Prof. Andrew Miller von der Mendel Universität. Die Forschung ist längst bereit für den nächsten Schritt. Was fehlt, ist die Infrastruktur.

a. Forschung anfassen heißt Forschung begreifen. Im Labor erleben die Teilnehmenden des NanoPrecMed Workshops modernste Bildgebung mit praktischen Anwendungsmöglichkeiten auch außerhalb der Grundlagenforschung.

Türen öffnen – im Labor und im Kopf

NanoPrecMed will genau hier ansetzen. Es geht nicht nur um Forschung, sondern um den gemeinsamen Aufbau einer Nanomedizin-Infrastruktur direkt in den Regionen. In Brünn, der Heimat Gregor Mendels, werden jedes Jahr Hunderte junger Talente in den Lebenswissenschaften ausgebildet, und viele davon wandern ab. Es fehlt an attraktiven Arbeitsplätzen, an Start-Ups, an der kritischen Masse für eine nachhaltige Forschungs- und Innovationslandschaft. Genau das will NanoPrecMed ändern.

Im Mai öffnete das Konsortium seine Türen: In Wien, Linz und Brünn fanden öffentliche Open Lab Workshops statt, die Forschung, Anwendung und Vernetzung zusammenbrachten. „Wir wollen zeigen, was heute schon möglich ist. Und gemeinsam überlegen, was morgen möglich werden kann“, sagt Projektleiterin Conny Schneider. Als Biotechnologin kennt sie die Grenzen des Labors. Als Wissenschaftskommunikatorin weiß sie, wie wichtig es ist, diese Grenzen zu überschreiten.

Auch sie selbst hatte durch die Zusammenarbeit im NanoPrecMed Konsortium schon so manch augenöffnendes Erlebnis. “Ich bin seit 15 Jahren Wissenschaftlerin, aber erst heut hab ich zum ersten Mal live dabei zusehen können, wie DNA-Stränge sich bewegen”, staunt die Projektleiterin beim Besuch in Linz, wo ihr das High-Speed-AFM neue Perspektiven eröffnet. Denn: die Allround-Wissenschaftlerin, die alle Disziplinen perfekt beherrscht, gibt es nur im Fernsehen. Selbst innerhalb der Forschung bewegt man sich schon in einer Blase – und noch größer ist der Schritt in Richtung große weite Welt.

Das Programm der Open Lab Workshops war deshalb bewusst an Menschen außerhalb der Forschungsblase gerichtet und reichte von extrazellulären Vesikeln über Atomkraftmikroskopie bis hin zu bioinformatischer Analyse von von Struktur und Inhalt des genetischen Codes und Nanopartikeln für die Arzneimittelforschung. Mit Vorträgen, Live-Demonstrationen, offenen Diskussionen und kostenlosen Beratungsgesprächen boten die Workshops nicht nur Einblicke in aktuelle Technologien, sondern auch Raum für neue Partnerschaften und Projekte. Wer die Events im Mai verpasst hat, darf gerne die Augen offen halten: auch 2026 sind wieder Workshops geplant, und dazwischen freut sich das Konsortium über Kontaktaufnahme und Anfragen, zum Beispiel via die Webseite nanoprecisionmedicine.eu.

„Wir glauben an offene Türen – nicht nur im Labor, sondern auch im Kopf“, erzählt Conny Schneider. „Wissenschaft funktioniert am besten, wenn man sie teilt.”

a. Unter dem INTERREG AT-CZ-Banner vereint das NanoPrecMed Konsortium führende Wissenschaftler:innen der Nanomedizin aus Südböhmen, Südmähren, Wien und Oberösterreich, hier beim Treffen an der Fachhochschule Oberösterreich, Campus Linz.